«Du bist nicht falsch, dein "ADHS-Hirn" läuft einfach anders»
- Michèle Guerra

- 25. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Mai
Was mir das erste Modul meiner ADHS-Mentoren-Ausbildung über Selbstannahme gelehrt hat
Von Michèle Guerra | Co-Gründerin der krisenstark. GmbH und angehende ADHS Mentorin
Stell dir vor, du hast dein ganzes Leben lang das Gefühl, irgendwie nicht ganz ins Bild zu passen. Du strengst dich an, gibst alles und trotzdem läuft vieles anders als geplant. Du vergisst Dinge, verlierst den Faden, wirst rasch überwältigt oder kämpfst gegen eine innere Unruhe, die einfach nicht aufhört.
Für viele Menschen mit ADHS ist das gelebte Realität. Und für mich ist dieses Thema nicht nur fachlich relevant, es begleitet mich auch persönlich.
Warum ich ADHS-Mentorin werde
In meiner Arbeit als (Familien-) Beraterin und Coach begegne ich dem Thema ADHS regelmässig. Bei Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und in meinem eigenen Leben. Diese doppelte Perspektive, die professionelle und die persönliche, hat mich dazu bewogen, die Ausbildung zur ADHS-Mentorin beim Verein ADHS20plus zu absolvieren.
Das erste Modul bei PD Dr. med. Monika Ridinger, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in Baden, trug den Titel «Modul 1 zum Thema Selbststeuerung: Selbstannahme» und es hat mich tief berührt und gleichzeitig fachlich bereichert.
ADHS ist neurobiologisch und nicht einfach Willensschwäche
Eine der zentralen Botschaften des Tages: ADHS ist keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Es handelt sich um eine neurobiologisch erklärbare Besonderheit des Gehirns, mit einer Vererbungsrate von bis zu 88%. Das Gehirn von Menschen mit ADHS funktioniert schlicht anders: Botenstoffe wie Dopamin und Noradrenalin stehen nicht in ausreichendem Masse zur Verfügung bzw. gelangen nicht an den richtigen Ort im Gehirn, bestimmte Hirnregionen, vor allem der Präfrontale Cortex und das Belohnungssystem sind in ihrer Vernetzung und Funktion verändert.
Das bedeutet konkret: Aufmerksamkeit steuern, Impulse hemmen, Planung, Entscheidungen treffen, Routinen aufbauen all das kostet Menschen mit ADHS deutlich mehr Energie als neurotypische Menschen. Nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil ihr Gehirn dafür andere Ressourcen benötigt.
Das ist kein Makel. Es ist ein «So-Sein».
Was Selbstannahme wirklich bedeutet
Frau Dr. Ridinger brachte es auf den Punkt: Wer die spezifischen Funktionsweisen des ADHS-Gehirns versteht, erhöht die Chance, das eigene Gehirn situativ und im eigenen Sinn zu nutzen.
Selbstannahme heisst nicht, alles gut zu finden oder auf Veränderung zu verzichten. Es heisst, das eigene Erleben und Funktionieren als real und begründet anzuerkennen, dies ohne Scham und ohne endlose Selbstkritik. Es heisst, aufzuhören, sich an einem Massstab zu messen, der schlicht nicht zum eigenen Gehirn passt.
Im Seminar wurde das wunderbar illustriert: «Selbstannahme ist die Suche nach den Diamanten im Selbst.» Das hat mich getroffen. Denn wie oft suchen wir bei ADHS-Betroffenen (und bei uns selbst) zuerst die Schwächen, die Defizite, das Scheitern? Dabei gibt es auch Stärken, die direkt aus dieser anderen Funktionsweise entstehen! nämlich Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Hyperfokus, unkonventionelles Denken, schnelle Auffassungsgabe der Situation (Metaebene), hochsensible Wahrnehmung etc. Dies lässt Menschen in den Sozialen Medien diesbezüglich von Superpower sprechen. Ich persönlich würde jetzt nicht ganz so weit gehen.
Was ich aus dem Tag mitnehme
Einige Erkenntnisse, die mich besonders beschäftigen:
ADHS ist ein Spektrum und oft unsichtbar. Besonders bei Frauen und beim unaufmerksamen Typ wird ADHS häufig spät oder gar nicht erkannt. Die Betroffenen werden als «Träumer» abgestempelt oder gelten als unzuverlässig obwohl sie sich oft übermässig anstrengen, um zu funktionieren.
Prokrastination ist kein Faulheit. Wer nicht anfangen kann, leidet und geniesst nicht. Dahinter steckt ein neurobiologischer Mechanismus: ohne ausreichend starkes Dopaminsignal fehlt der Motivationsantrieb. Das Vermeidungsverhalten wird sogar durch das Gehirn unbewusst «belohnt», was den Teufelskreis erklärt.
Routinen kosten ADHS-Gehirne aktiv Energie. Was bei neurotypischen Menschen unbewusst automatisiert läuft, muss bei ADHS bewusst gesteuert werden, das zehrt. Diese Erschöpfung ist real.
Behandlung braucht mehr als Pillen. Das multimodale Konzept von Dr. Ridinger macht deutlich: Medikamente können die Neurochemie ausgleichen, aber die Steuerung bleibt beim Menschen selbst. Psychoedukation, Coaching und Therapie, dieses Zusammenspiel macht den Unterschied.
Was das für meine Arbeit bedeutet:
Als Beraterin und Coach begleite ich Menschen in Krisen, in Übergangssituationen, in Momenten, wo es nicht mehr weitergeht wie bisher. Viele davon, das zeigt die Erfahrung, funktionieren einfach anders. Und viele haben noch nie eine Erklärung dafür bekommen.
Dieses Modul hat mir einmal mehr bestätigt: Verstehen schafft Würde. Wenn jemand versteht, warum er tut, was er tut, warum er vergisst, warum er ausrastet, warum er nie fertig wird etc., verändert sich etwas. Der Blick auf sich selbst wird milder. Manchmal sogar das erste Mal in seinem Leben. Genau da möchte ich als ADHS-Mentorin ansetzen.
Neugierig geworden?
Wenn du dich selbst in diesen Beschreibungen wiedererkennst, ob für dich persönlich oder jemanden in deinem Umfeld, melde dich gerne. Wir begleiten Menschen auf dem Weg zu mehr Selbstverständnis und Selbstwirksamkeit. Und ich weiss aus eigener Erfahrung: Der Weg beginnt damit, sich selbst wirklich anzunehmen.
Michèle Guerra, Co-Gründerin krisenstark., Beraterin, Begleiterin & Coach | krisenstark. GmbH, In Ausbildung zur ADHS-Mentorin (ADHS20plus)
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