Wenn Kinder nicht mehr zur Schule gehen. Schulabsentismus im Fokus.
- Michèle Guerra
- 8. Feb.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Juni
Ein wachsendes Phänomen, das Schulen, Familien und Fachstellen gleichermassen herausfordert
Morgen für Morgen spielen sich in vielen Familien ähnliche Szenen ab: Bauchschmerzen, Kopfweh, Tränen oder einfach das stumme Weigern in die Schule zu gehen. Was für Aussenstehende nach Sturheit aussieht, kann das Symptom eines viel komplexeren Problems sein. Schulabsentismus betrifft zunehmend Kinder und Jugendliche in der ganzen Schweiz und das Problem hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen.
Was ist Schulabsentismus?
Schulabsentismus ist ein Oberbegriff für das dauerhafte oder wiederkehrende Fernbleiben vom Unterricht ohne gesetzlichen oder anderweitig nachvollziehbaren Grund. Dabei reicht das Spektrum weit: von der Schulphobie und Schulangst über psychosomatisch bedingtes Fernbleiben bis hin zum klassischen Schwänzen.
Wichtig ist: Nicht jede Abwesenheit ist gleich! Die Ursachen sind vielfältig, und eine sorgfältige Unterscheidung ist entscheidend für die richtige Unterstützung.
Der Schulpsychologische Dienst des Kantons Aargau beschreibt Schulabsentismus als komplexes Phänomen, das individuelle, familiäre und schulische Ursachen haben kann:
Individuell: Ängste, psychosomatische Beschwerden, schlechte Impulskontrolle, hohe Sensibilität und leichte Ablenkbarkeit machen den Schulalltag zur täglichen Überforderung.
Familiär: instabile Erziehungssituation, fehlende Unterstützung, Kinder in belasteten Familien übernehmen oft Verantwortung für ihre Eltern, die Schule tritt in den Hintergrund. Das "parentifizierte" Kind bleibt zu Hause, um «zum Rechten zu schauen».
Schulisch: Mobbing, Leistungsdruck, schwierige Lehrperson-Schüler:in-Beziehung, Ausbildner:in-Lehrling-Beziehung, anspruchsvolles Klassenklima, Peerkonflikte oder das Gefühl, nicht dazuzugehören.
"Wer sich wohlfühlt an einer Schule oder in der Lehre, geht gerne dorthin. Umgekehrt: Wenn Kinder sich unwohl fühlen, werden sie die Quelle dieses Unwohlseins meiden wollen."
Dr. phil. Franziska Templer, Fachtagung Berner Gesundheit, November 2023
Der SPD Aargau hat klare Leitlinien entwickelt: Ein konsequentes Absenzenmonitoring sei entscheidend, und bei mehr als drei unzusammenhängenden Absenzen sollten bereits erste Massnahmen eingeleitet werden. Je länger ein Kind der Schule fernbleibt, desto schwieriger wird die Rückführung ins Schulsetting; ein zentrales Argument für frühzeitiges Handeln. Die Zusammenarbeit verschiedener Fachstellen wie Schulsozialarbeit, Schulpsychologischer Dienst, Jugend- und Familienberatung, KJPP sowie Pädiater:innen, ist dabei ausdrücklich vorgesehen und auch notwendig.
Die Zunahme des Schulabsentismus ist kein isoliertes Phänomen. Bildungsforscherin Prof. Dr. Margrit Stamm hat bereits 2022 ihre Untersuchungen aus den Jahren 2008 und 2013 aktualisiert und kommt zum klaren Schluss: Die Corona-Krise hat das bestehende Problem noch verschärft. Seither hat sich in vielen Schulen eine neue Normalität eingeschlichen. Fernbleiben als Option, die vorher undenkbar war. Rückmeldungen aus Schulen zeichnen ein deutliches Bild: Die Fälle nehmen zu.
Warum frühzeitiges Handeln entscheidend ist
Schulabsentismus beginnt oft schleichend. Gelegentliche Absenzen werden zur Gewohnheit, der Anschluss geht verloren, die Hemmschwelle für den nächsten Schultag steigt. Ein Teufelskreis entsteht. Die Folgen von langjährigem Schulabsentismus sind gravierend: soziale Isolation, psychische Erkrankungen und deutlich schlechtere Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Gleichzeitig zeigt die Praxis: Mit frühzeitiger, gezielter Unterstützung lassen sich viele Verläufe abwenden.
Entscheidend für die Prävention ist unter anderem die Qualität der Beziehung zwischen Lehrperson / Ausbildner:in und Kind. Eine vertrauensvolle Beziehung ist einer der kraftvollsten Schutzfaktoren. Sie kann der Grund sein, weshalb ein Kind trotz allem zur Schule geht.
Eine von möglichen wirksamen Methoden zur Beziehungsstärkung ist die sogenannte Banking Time (Pianta, 1999). Diese Methode bietet einen konkreten und auf wissenschaftlichen Fakten beruhenden Ansatz. Das Prinzip: Lehrperson/Ausbildner:in und Kind/Jugendliche:r treffen sich regelmässig, z.B. dreimal wöchentlich je 10 bis 15 Minuten für eine Aktivität nach Wahl des Kindes. Keine Aufgaben, keine Bewertung. Das Kind hat den Lead, was es machen möchte. Die Lehrperson beobachtet, kommentiert, spiegelt und vermittelt Beziehungsbotschaften. Diese Zeit schafft Raum für persönliche Gespräche, gemeinsame gute Momente, gegenseitiges Kennenlernen und den Aufbau von Vertrauen.
"Wenn sich das Kind bei seiner Lehrperson sicher und verstanden fühlt, wird es in herausfordernden Situationen weniger Stress erleben und infolgedessen weniger auffälliges Verhalten zeigen."
Dr. phil. Lars Mohr, Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH)
Die bisherigen Forschungsergebnisse zur Methode sind vielversprechend: In über 80 kontrollierten Einzelfallstudien an der HfH Zürich zeigte sich bei mehr als 82% der Schülerinnen und Schüler eine Reduktion auffälligen Verhaltens, bereits nach einer vierwöchigen Intervention.
Der Schlüssel im Kampf gegen Absentismus ist Teamwork
Eltern, Lehrpersonen, Schulleitungen, Schulsozialarbeit, psychologische Fachpersonen und medizinische Unterstützung müssen an einem Strang ziehen. Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten umgedacht: Früher galt Schulabsentismus als Problem der Eltern und des Kindes. Heute wird Schulabsentismus als gemeinsame Herausforderung verstanden: Kind bzw. Jugendliche:r, Familie, Schule und gegebenenfalls Lehrbetrieb tragen eine gemeinsame Verantwortung.
Was Lehrpersonen/Ausbildner:innen brauchen:
Wissen: Ein gemeinsames, fachlich fundiertes Verständnis darüber, was Schulabsentismus ist und wie er entsteht
Haltung: Einen nicht wertenden Blick auf betroffene Kinder und ihre Familien und eine wertschätzende, wohlwollende und lösungsorientierte Schulhauskultur
Netzwerk: Klare Abläufe und funktionierende Zusammenarbeit mit Fachstellen
Beziehung: Die Bereitschaft, auch mit schwierigen Schülerinnen und Schülern in Kontakt zu bleiben
krisenstark. begleitet Lehrpersonen auf diesem Weg
Schulabsentismus ist kein Problem, das Lehrpersonen alleine angehen können und auch nicht sollen. Aus diesem und noch weiteren guten Gründen bietet krisenstark. ab Herbst 2026 einen Coaching Circle für Lehrpersonen an. Im geschützten Rahmen können Fälle aus dem Alltag reflektiert, Haltungen überprüft, konkrete Handlungsstrategien entwickelt und weitere praxisorientierte Methoden kennengelernt werden.
Interesse? Jetzt informieren und anmelden.
Fragen oder Unklarheiten? Bitte nehmen Sie mit uns Kontakt auf: info@krisenstark.ch

Kommentare